TUMORSCHMERZ
tumorbedingter
Schmerz
Als Tu mor
wird eine umschriebene Schwellung (Geschwulst)
bezeichnet.
Man unterscheidet:
Neoplastischer Tu mor
Diese "umschriebene Schwellung" entsteht durch Gewebsneubildung,
entweder in benigner (= gutartiger) oder maligner (=
bösartiger) Form. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß es
noch eine "Mittelform" gibt, den semimalignen Tu mor.
Entzündlicher Tu mor
Diese Schwellung beruht auf einer entzündungsbedingten Exsudation (=
"Ausschwitzung" bestimmter Anteile des Blutes) und
zellulärer Infiltration (= örtlich begrenztes Eindringen regulären, krankhaften oder fremdartigen Zellen).
Tu mor infolge Abszeß (= abgekapselte Eiteransammlung), Erguß (= Flüssigkeitsansammlung in Körperhöhlen) oder Ödem (= krankhafte Flüssigkeitsansammlung im Gewebe).
Die Tu mor -Arten nach 2 und 3 bereiten in der Regel keine Schmerz probleme, da sie meist einer kausalen (= auf die Ursache gerichteten) Behandlung zugänglich sind. Gleiches gilt für die Mehrzahl der benignen (= gutartigen) und einigen maligne (= bösartigen) neoplastischen Tumoren.
Wenn ein Tu mor nicht herausoperiert werden kann, oder in der malignen (= bösartigen) Form bereits Metastasen (= Tochtergeschwülste) gebildet hat, kann dies mit einem heftigen Schmerz einhergehen, so daß dann eine gezielte Schmerztherapie notwendig wird.
50% aller Patienten mit einem Tu mor leiden unter einem Tumorschmerz. Im fortgeschrittenen Tumorstadium sind es bereits 70%.
Ein tumorbedingter Schmerz kann durch das Tu mor -Wachstum entstehen, oder aber auch infolge der Therapie (z.B. Bestrahlung). Nicht selten kommt dann noch eine Infektion ( = Eindringen von Mikroorganismen wie z.B. Bakterien oder Viren) hinzu, als Folge der geschwächten Immunabwehr.
Obwohl
wirksame Methoden der Tumorschmerz -Therapie bekannt und zumindest in den
Industrieländern verfügbar sind, werden leider viele Patienten mit einem Tumorschmerz
aus Unkenntnis, Furcht vor Suchtentstehung und restriktiver
Gesetzgebung nicht ausreichend analgetisch therapiert.
Bei richtiger Anwendung
der schmerztherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten beträgt die Erfolgsquote beim
Tumorschmerz 90% (Strumpf 1993).
Tumorschmerz -Therapie und dadurch
erzielte Schmerzfreiheit ist jedoch bei Tu morleiden
einer der wichtigsten
Faktoren zur Erhaltung von Lebensqualität und eine zumeist notwendige Ergänzung
kausaler (= ursächlicher)
Therapiemöglichkeiten.
Wichtig ist, daß zur Therapie bei Tumorschmerz alle
diese Methoden in ein umfassendes Behandlungskonzept eingebunden sind, das das
körperliche, seelische und soziale Wohlbefinden soweit wie irgend möglich
fördert. Als Leitlinie zur Therapie beim Tumorschmerz und grobe Orientierung, die jedoch
unbedingt den Erfordernissen des einzelnen Patienten angepaßt werden muß, kann
ein Stufenschema wie das von der Weltgesundheitsorganisation publizierte, dienen
(Klaschik 1990, Zech et al. 1988), das wir in nachstehender Tabelle nach
unseren Erfahrungen abwandeln.
Tabelle: Stufenschema zur Therapie bei Tumorschmerz
| A. Kurative Therapie (eine auf Heilung ausgerichtete Therapie) bei Tumorschmerz: | |
| Operation, Chemotherapie, Strahlentherapie | |
| B. Palliative Therapie (krankheitsmilderne Therapie, ohne zu heilen) bei Tumorschmerz | |
| 1. sogenannte periphere Analgetika (Paracetamol, nicht-steroidale Antirheumatika, | |
| Metamizol) (= Schmerzmittel, die vorwiegend am Ort der Schmerzentstehung wirken) | |
| 2. zentral wirksame Analgetika (= Schmerzmittel die im Rückenmark / | |
| Gehirn wirken) ohne BTM- (= Betäubungsmittelgesetz-) Rezept | |
| 3. systemische Opiatthera pie (= Therapie mit opiumähnlichen Schmerzmitteln, die auf das Nervensystem | |
| wirken) (vorzugsweise in Form von Tabletten, Tropfen oder Schmerzpflaster) | |
| Den Erfordernissen des Patienten angepaßt können beim Tumorschmerz Arzneimittel der | |
| Gruppe 1 mit 2 oder 3 kombiniert werden. | |
| C. Alternative palliative Verfahren bei Tumorschmerz: | |
| a) Nerven- bzw. rückenmarknahe Blockaden mit örtlichen Betäubungsmitteln, | |
| auch kontinuierlich mit Katheter. | |
| b) Peridurale oder spinale Opia tanalgesie (= rückenmarknahe Betäubung mit opiumähnlichen | |
| Substanzen) mit/ohne Port oder Pumpe | |
| c) Permanente (neurolytische) Blockaden (= Zerstörung schmerzleitender Nerven) | |
| d) Neurochirurgische Verfahren (= operative Unterbrechung der Schmerzreizleitung) |
Grundzüge der medikamentösen
Therapie bei Tumorschmerz
(tumorbedingter Schmerz):
Nicht jeder Schmerz, unter dem ein Krebspat ient leidet, ist ein Tumorschmerz, also durch den
Tu mor
verursacht. Die meisten Patienten haben gleichzeitig mehrere Schmerzursachen,
von denen der Schmerztherapeut eine möglichst zutreffende Vorstellung haben
sollte.
Vor allem myofasz iale
Schmer zen
(= Ein Schmerz der von Mus keln
oder deren
Bindegewebsumhüllung ausgeht), die
durch lange Bettlägerigkeit und Verspannungen begünstigt werden, treten häufig
auf und können mit einfachen Mitteln (Lagerung, Mobilisation, Massage,
örtlichen Betäubungen, Mittel zur Muskelentspannung, einfache
Schmerzmittel)
behandelt werden, ohne daß z.B. eine Erhöhung der bereits gegebenen Opiatdosis
(= Menge an opiumhaltigen
Schmerzmitteln) wegen "stärkerer
Schmer zen" erforderlich ist.
Eine Schmerzmittelgabe auf Dauer sollte auch beim Tumorschmerz grundsätzlich nach festem Zeitschema erfolgen, entsprechend der Wirkdauer der
Substanzen. Zur Bekämpfung unregelmäßiger und eher selten auftretender Durchb ruchschmerzen
(= Schme rzspitzen) kann zur Basismedikation
(= Grundverordnung) bei Bedarf ein
weiteres Schmerzmittel gegeben werden.
Bei bereits auf retardiertes orales
Morphin (= morphiumhaltige Tabletten
mit verzögerter Abgabe) eingestellten
Patienten kommt dafür die schneller resorbierbare
(= im Darm aufnehmbare) wäßrige
Morphin-Lösung in Betracht, die von jedem Apotheker hergestellt werden kann.
Ist der Patient auf
Buprenorphin mit dem Schmerzpflaster
(Transtec®) eingestellt, so kann bei Durchb ruchschmerzen zusätzlich die schnell
resorbierbare (= Aufnahme in den Körper)
sublinguale (= unter der Zunge
verabreichte) Form (z.B. Temgesic®) gegeben werden.
Wird die Basis- Therapie mit dem Schmerzpflaster Durogesic® (Fentanyl)
durchgeführt, so können Durchb ruchschmerzen
(= Schme rzspitzen) mit ACTIQ® abgefangen werden, diese
Fentanyl-Darreichungsform wird mit Hilfe eines speziellen Applikators über die
Wangenschleimhaut inkorporiert (= in den
Körper/Organismus eingebracht).
Die Gabe
von sog. Ko-Analgetika (= Mittel
die Schmerzmittel in ihrer Wirkung unterstützen)
kann bei einem Tumorschmerz auf allen Therapiestufen nützlich sein, ihre Indikationen
(= Anzeigen)
sind davon eher unabhängig.
Kortikoide
(= mit Cortison verwandte Substanzen)
sind nützlich bei entzündlicher Schwellung, Hirndruck und auch, als erwünschte
Nebenwirkung, zur Appetitanregung.
Psychopharmaka
(= Mittel zur Therapie der Psyche),
insbesondere Neuroleptika und Antidepressiva, können den psychischen Zustand des
Patienten stabilisieren helfen und eventuell Schmerzmittel einsparen. Ihre
Verwendung sollte sorgsam bedacht werden, weil sie die Entscheidungsfähigkeit
und die Fähigkeit zur Auseinandersetzung mit der Krankheit stark beeinträchtigen
können. Sie sollten keinesfalls als Ersatz für menschliche Zuwendung mißbraucht
werden.
Biphosphonate, z.B. Ostac®, können infiltratives Wachstum von
Knochenmetastasen hemmen und dadurch den Tumorschmerz lindern.
Eine
Zusatzmedikation (= zusätzliche
Mittel) zur Vermeidung von
Nebenwirkungen der Therapie, wie z.B. Abführmittel, Antiemetika
(= Mittel gegen Übelkeit),
Ulkusprophylaxe (= Mittel zur
Verhinderung eines Mag en/Da rm-Geschwürs),
ist regelmäßig erforderlich.
Komponenten der Stufentherapie bei Tumorschmerz:
Periphere Analgetika
(= Schmerzmittel die vorwiegend am Ort der
Schmerzentstehung wirken) sind
besonders bei Kn ochen- und
Mus kelschmerzen
angezeigt und können auch in
fortgeschrittenen Krankheitsstadien wirksam sein.
Zentral wirksame Analgetika
(= Schmerzmittel die im Rückenmark /
Gehirn wirken) ohne BTM-
(= Betäubungsmittelgesetz-)
Rezeptpflicht
(= nicht unter das Betäubungsmittelgesetz
fallend) können ausreichend wirksam
sein; Abführmittel sind bei ständiger Codein-Einnahme regelmäßig notwendig.
Mit
dem Übergang auf die systemische orale
Opia tthera pie
(= opiumhaltige Tabletten, Tropfen, Pflaster, die auf das Nervensystem wirken)
sollte gerade beim Tumorschmerz nicht zu lange gezögert werden. Sie gilt heute
als bewährte Standardmethode nicht nur für präfinale
(= vor dem Tod stehende),
sondern vor allem auch für ambulante Patienten mit schweren Schmer zen
(Zenz
1990, Strumpf 1993) und kann sehr zur Erhaltung einer zufriedenstellenden
Lebensqualität beitragen.
Die zusätzliche Gabe von Abführmittel ist bei Einnahme
von opiumähnlichen Medikamenten fast immer erforderlich.
Atemdepression
(= Abflachung der Atemzüge und damit
behinderte Sauerstoffaufnahme und Kohlendioxidabgabe)
als Nebenwirkung spielt meist keine Rolle, da der Schmerzreiz sozusagen
antagonistisch (= entgegen)
wirkt.
Gefährlich kann es allerdings werden , wenn zur Therapie bei Tumorschmerz zusätzlich
Nervenblockaden mit einem örtlichen
Betäubungsmittel durchgeführt werden. Der Wegfall des Schmerzreizes führt prompt
zu einer Atemdepression, die u.U. den Einsatz von Naloxon (Narcanti®)
notwendig macht.
Bei Opiatgabe sollten
auch Synergismen
(= gegenseitig unterstützende, verstärkende Wirkungen)
bei gleichzeitiger Einnahme von z.B. Benzodiazepinen bedacht werden. Die übrigen
Nebenwirkungen sind nach heutiger Erfahrung erstaunlich gering. Durch die
Einnahme in festen Zeitintervallen kann eine Abhängigkeit vermieden werden, sie
tritt bei Patienten, die z.B. Morphin ausschließlich zur Analgesie
(= Schmerzbekämpfung)
einnehmen, nur selten auf. Die entstehende Miosis
(= Engstellung der Pupille)
stört meist wenig.
Daß die Befürchtung, süchtig zu werden, nur selten auftritt,
bedarf näherer Erläuterung bei Patienten und Ärzten. Die erforderliche Dosis
liegt meist zwischen 30 und 100mg pro Tag für orales
(= durch den Mund
eingenommenes)
Morphin, jedoch mit erheblichen individuellen Unterschieden. Selten benötigen
einzelne Patienten weit höhere Dosen, z.B. 500 mg Morphin pro Tag und mehr. Eine
Notwendigkeit zur Dosiserhöhung durch Adaptation
(= Anpassung des Organismus an veränderte Bedingungen)
oder Toleranzentwicklung
(= zunehmender
Wirkungsverlust)
soll selten (Zenz 1990), manchmal sollen sogar Dosisreduktionen möglich
sein.
In einer Studie von Liverani et al. (1990) war hingegen eine
Verdopplung der Dosis während der Therapiedauer vor allem bei Patienten mit
einem Tumorschmerz erforderlich.
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20.05.2006
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